Die neuen Medien-Macher und das “gedruckte Fernsehen”

von Thomas Schuster

Die Medienindustrie frohlockt. “Plötzlich stehen wir an der Schwelle zu einer neuen, weil multimedialen Dimension sinnlicher Wahrnehmung. (. . .) Die Entwicklung, die dem Außenstehenden als Chaos erscheinen mag, ist global und fast synchron. Die Welt wird zum ,Global Village’, und das Medium, das sie so eng zusammenrücken lässt, ist der Information Highway.”

Der dies schreibt heißt nicht Marshall McLuhan, sondern Hubert Burda und zählt zu Deutschlands einflussreichsten Verlegern. Für Herrn Burda besteht kein Zweifel: Die “revolutionäre Mutation der Medienwelt (führt) die postkapitalistische Gesellschaft” schnurstracks in den Cyberspace.

Von Revolutionen ist heute im Medienbereich ja allenthalben zu hören. Von der Informationsrevolution, der Fernsehrevolution und neuerdings der Multimediarevolution, kurzum von der Dämmerung eines neuen Menschentyps in einer neuen Medienwelt. Nicht selten wird unterstellt, dass Revolution an sich schon etwas Positives sei und es der Menschheit, computergesteuert im Cyberspace, automatisch besser ginge. Für die Revolutionstheoretiker in den Konzernzentralen jedenfalls scheinen die Implikationen auf der Hand zu liegen: fortschreitende Freiheit beschere uns die Medienwelt, in der ein demokratisierter Informationszugang automatisch die Demokratisierung der Gesellschaft zur Folge habe.

Manche Kommunikationsexperten meinen, dass mit der explodierenden Informationsmenge auch der Anteil des Nichtwissens steigt, und zwar überproportional. Doktor Burda teilt solche Sorgen nicht. Für ihn wird der Mensch “in dieser neuen Medienwelt nicht mehr passiv sein. Er ist nicht mehr Zuschauer, Leser, sondern aktiver Teilnehmer. Sein Status in der knowledge society definiert sich nicht mehr über Kapital oder Maschinen, sondern über Wissen.”

Aktiv also wird das Publikum, informierter und damit mächtiger. Die politischen Implikationen scheinen auf der Hand zu liegen: Wenn nämlich der Inhalt der Medien unendlich vielfältig und variabel ist, dann wäre es ja absurd anzunehmen, dass das Medienprodukt dem informationshungrigen Cybernauten gewisse Bedeutungen, Werte oder gar ganze organisierte Ideologien aufdränge. Heterogenität und Vieldeutigkeit – Pluralismus – zeichnet die Medieninhalte aus, nicht Homogenität, Einheitlichkeit oder ideologische Enge.

Umgarnter Kunde

Hans-Hermann Tiedje hätte für solche theoretischen Spekulationen wohl wenig Verständnis. Hans-Hermann Tiedje ist ein Mann der Tat. Er ist der Chef von Tango. Zum Chef einer Zeitschrift mit einem Budget von 300 Millionen Mark ist er nicht durch Zufall geworden. Tiedje war früher Chef von Bild. Tiedjes neuer Arbeitgeber ist der Verlag Gruner + Jahr, der unter anderem für Geo, stern, Brigitte und Capital verantwortlich zeichnet. Umsatz des Unternehmens im Jahr 1993: fast 4 Milliarden Mark.

Doch bei Gruner + Jahr fühlt man sich bedrängt. Durch das trojanische Pferd des Hubert Burda. Richtig geraten: Die Rede ist von Focus. Burda nämlich hat mit Focus bewiesen, dass mit einem “Nachrichtenmagazin ohne Nachrichten” so bezeichnet Tiedje das Konkurrenzblatt, heutzutage am meisten Geld zu verdienen ist. Jedenfalls war Burda der einzige der vier deutschen Großverlage, der, dank Focus, 1993 ein klares Plus bei den Werbeeinahmen für Publikumszeitschriften verzeichnete. Über 100 Millionen Mark machte die Kundschaft für Inserate in dem neuen Magazin locker. Da man Burda die sogenannte “Info-Elite” nicht kampflos überlassen kann, werden bei der Konkurrenz, so auch bei Bauer und Springer, fieberhaft ähnliche Nachrichtenillustrierten geplant. Davon stehen einige uns noch ins Haus.

Tiedjes Tango ist also erst der Anfang. “Wir kommen über Deutschland wie eine Feuerwalze”, prophezeit Herr Tiedje bescheiden. So brandheiss freilich ist die Zeitschrift nicht, wie deren erste Ausgaben beweisen – die fünf Hefte vom Dezember 1994 habe ich mir genauer angesehen. Eher schon lauwarm, gelegentlich auch Schnee von gestern. Eines muss man ihren Machern lassen: mit Bildern und Grafiken umzugehen, das verstehen sie.

Da wimmelt es auf der Achille Lauro, als ob man selbst auf Deck wäre. Du stehst Auge in Auge mit Hollywood-Star Keanu Reeves. Und Cindy Crawfords Busen ist in greifbare Nähe gerückt. Die Grafiken und vielen bunten Schaukästen sind fast so taktil wie die windows auf einem PC. Nur mit der Maus anklicken kann man sie nicht. Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann ist ein Grossteil der 300 Millionen Mark, die Tango kostet, neben der Werbung vor allem in den Erwerb von Bildmaterial und des zur Verarbeitung nötigen Grafikgeräts geflossen.

Journalistengehälter scheinen nur einen geringen Anteil am Budget auszumachen. Wie Spiegel-Reporter Cordt Schnibben in seinem Buch Reklamerepublik berichtet, verfügt Tango über keine Auslandskorrespondenten, ja, das Blatt unterhält nicht einmal ein Bonner Büro. Tango-Redakteure recherchieren primär am PC. “Exklusive Enthüllungen”, so verlautet Tiedje, “brauchen wir nicht jede Woche.”

Lauwarm also, Tiedjes Feuerwalze, die nicht selten anderweitig Vorverdautes nur noch einmal aufkocht: So z. B. ein Bericht am 1. Dezember 1994 über die Eröffnung des BMW-Werks im amerikanischen South Carolina – zweieinhalb Wochen nach der Tat. Schon eine Woche früher war das gleiche, zwar weniger bunt, gleichwohl um vieles ausführlicher, in der Zeit nachzulesen. Die berichtete auch über die Tatsache, dass es im amerikanischen BMW-Werk keinen Gewerkschaftseinfluss gibt. Kein Wort davon in Tango.

Ähnlich brandheiss wie der einseitige BMW-Report war der Bericht über den Münchner Verlag ArsEdition, der mit seinen 3-D-Buechern im Jahr 1994 einen Publikumshit gelandet hat: In Tango erfährt man davon bereits Mitte Dezember. Spannend auch die Meldung, dass Boris Beckers Frau Barbara vor einem Jahr einen Sohn geboren hat.

Dass gewisse Themen quasi “in der Luft” liegen, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen. Im Dezember 1994 waren dies u. a.: der Untergang der Achille Lauro, der Niedergang der FDP und der Abgang Berlusconis; der Telekom-Skandal und die bevorstehenden Steuer- und Abgabenerhebungen. Ferner: die Führungskreise beim Spiegel und die PR-Krise der PDS. International am brisantesten wohl die Ereignisse in Bosnien und Tschetschenien. Aktuelle Ereignisse wie diese werden, mehr oder weniger zeitgleich, von der gesamten Presse aufgegriffen, wobei es nicht weiter auffällt, wenn man sich untereinander bedient.

Bei essayistischen Features fällt dies schon eher auf. So schreibt etwa der Spiegel am 28.11.1994 unter dem Titel “Kommt Streit, kommt Sex” über die heilsame Wirkung eines Ehekrachs auf das häusliche Geschlechtsleben. Tango folgt am 8. 12. mit der Geschichte “Streiten für die Lust”. Wohlgemerkt: Ausser der Thematik haben die beiden Artikel wenig miteinander gemein. Der Spiegel-Artikel ist etwa dreieinhalbmal so lang wie das Tango-Traktat, welches schon aufgrund seiner Kürze über Vulgärpsychologie nicht hinausgelangt. Die Terminierung des Artikels, der durch kein aktuelles Ereignis angeregt war, fällt jedoch auf.

Interessant wiederum, welche aktuellen Themen im selben Zeitraum in Tango nicht zur Sprache kamen: die Ereignisse von Bihac zum Beispiel. Freilich, die Absicht, der lieben Kundschaft das frohe Fest nicht vermiesen zu wollen, stand kaum hinter dieser redaktionellen Entscheidung. Denn man verschonte den Leser auch nicht mit den unweihnachtlichen Ereignissen vom Sommer 1993, als deutsche Söldner in Bosnien “soffen, hurten, prügelten und mordeten”. Kaum ein Wort hingegen vom aktuellen Geschehen in Ex-Jugoslawien.

Freilich wäre es ungerecht, das neue Genre der Nachrichtenillustrierten mit überzogenen journalistischen Maßstäben zu messen. Denn auf dem Weg zum Cyberspace bleibt nichts so, wie es einmal war, gerade in den Medien: “Gedrucktes Fernsehen” wollen die Macher ihren Lesern liefern, der neu entdeckten Info-Elite. Der Focus-Trick ist längst zu einer gängigen Masche geworden: Man umgarnt den Kunden als besonders schlau, besonders informiert, worauf man ihm den Schnee von gestern bilderreich unterjubelt. Dabei wird der eigene Mangel zum Vorteil umgemünzt: Das Leben im Cyberspace erfordere eben Prägnanz und hohe Selektivität – für ausführliche Information bleibt der Info-Elite keine Zeit. Ich weiss, weil ich nichts weiss.

Addiert man diverse einschlägige Statements über die Info-Elite zusammen, so ergibt sich das Profil eines kleinbürgerlichen Vertreters der Dienstleistungsexekutive. Er tendiert zu konservativen Meinungen, ist halbgebildet, intellektuell wenig anspruchsvoll und höchstwahrscheinlich männlich.

Ehekrisen und nette Jungs

Die fünf Tango-Ausgaben vom Dezember 1994 lassen folgendes erahnen: Glaubt man Tango, so ist die Info-Elite SPD-nah, solange deren Chefs Scharping und Schroeder heissen. Sie ist CDU-nah, solange deren Chefs Scharping und Schroeder heissen könnten. Der Tango-Leser und die Tango-Leserin wählen SPD, solange die Partei unternehmerfreundlich ist, oder die CDU, solange sie nicht arbeitnehmerfeindlich ist. Helmut Kohl zollen sie Respekt ob seiner Standhaftigkeit, wirken jedoch eher schadenfroh, wenn er erfolglos Bananenpolitik betreibt. Klaus Kinkel halten sie für besser als seine Partei erlaubt.

Die PDS kommt bei Tiedjes idealem Kunden überhaupt nicht an. Und die Grünen findet er eher niedlich, weiss aber so gut wie gar nichts über sie. Er ist energisch gegen Sozialmissbrauch, aber für “absolut sichere Atommeiler”. Er ist ein fortschrittlicher Christ, dem ein Bayer als Papst am liebsten wäre, damit Theo Waigel wieder kirchlich heiraten kann. In internationalen Angelegenheiten konzentriert sich die Info-Elite aufs Wesentliche: Deutsche Söldner bringen sich in Ex-Jugoslawien gegenseitig um.

Die 89er Revolution in Rumänien war “völlig sinnlos”, da der Lebensstandard dort noch immer niedrig ist und die alten Apparatschiks sich nach wie vor im Amt befinden. Und die Nationale Volksarmee will noch im Dezember 1994 West-Berlin erobern – zumindest in den Dokumenten, die ein deutscher Historiker gesichtet hat: “Es gibt Tendenzen in Deutschland, die realen Gefahren des Kalten Krieges zugunsten nationaler und internationaler Versöhnung herunterzuspielen.”

Mit dem Tango-Leser freilich ist solches Appeasement nicht zu machen. Er ist sich der weltpolitischen Verantwortung Deutschlands bewusst, auch wenn er von der Welt in seinem Blatt so gut wie nichts erfährt. Er hält die Russen für verschlagene Gesellen und befürwortet einen Bundeswehreinsatz in Bosnien, zumindest aus der Luft. Auch den politischen Details weiß der Tango-Leser ihren wahren Stellenwert beizumessen. So registriert er aufmerksam, dass US-Vizepraesident Al Gore unter der Dusche gerne mal ein Späßchen macht. Er amüsiert sich, dass es jetzt auch einen Wodka Schirinowski gibt. Und er betrachtet es als kein minderes Beispiel politischer Symbolik, dass Ludger Volmer ein schwarzes Hemd mit grünen Punkten trägt.

Freilich schenkt Tiedjes idealer Leser auch dem internationalen Gesellschaftsleben seine Aufmerksamkeit: Er ist schockiert, doch interessiert, wenn der Schneider Jean-Paul Gaultier sich präsentiert. Er ist hämisch bis homophob, wenn die Eheleute Richard Gere und Cindy Crawford sich scheiden. Die Eheprobleme von Franziska Heinrichs (29) und Nicolas Daloff (31) aus Mannheim liegen ihm da schon näher. Deren Ehe nämlich ging in die Brüche, weil er immer fettige Sahne und Gorgonzola kaufte, während sie für gesunde Ernährung ist. Auch putzte er nie das Klo, und sie fuhr besser Ski. Das gefiel dem Macho gar nicht. Kaum drei Wochen nach der Hochzeit zog Franziska aus.

Gut, dass es selbst in Zeiten, in denen es beziehungsmäßig kriselt, noch nette Jungs von nebenan gibt: den Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher zum Beispiel. Dem lacht das Glück, weil er ein grundsolider Mensch ist: Er raucht nicht, er trinkt nicht und betet vor jedem Rennen. Weitere Gründe für seinen Erfolg laut Tango: “Schumacher ist so stark, weil er vom Dorf . . . kommt. Er hat eine vernünftige Freundin . . . Bürokauffrau und gut im Kochen von Biokost. . . . Er ist finanziell unabhängig. . . . Im nächsten Jahr wird er 25 Millionen verdienen.”

Selbstverständlich nimmt die vielseitige Info-Elite auch am Wirtschaftsleben regen Anteil: Sie amüsiert sich, dass manche Leute “Trouble mit der Telekom” haben, wie z. B. Frank Taubenheim aus Hamburg, der eine Telefonrechnung über DM 228 000 erhalten hat. Der Leser freut sich für Kristiane Backer von Bravo TV, die Jugendliche unter 30 besonders clever vor den Fernseher fesselt. Auch die Werbeindustrie frohlockt, wenn Kristiane die Kleinen vor die Glotze lockt: C & A, Burger King und Nintendo, sie alle gehören zu Kristianes Kunden.

Als betriebswirtschaftlich geschulten Menschen beeindruckt ihn natürlich, dass der amerikanische Spielzeugkonzern Toys “R” Us einen hervorragenden Draht in deutsche Kinderzimmer hat. Egal, dass der Wuscheltiervertrieb einen soliden Ruf als Ausbeuter und gnadenlose Profitmaschine geniesst. Die Tango-Autorin versichert investigativ: “Grund zur Missgunst hat die Konkurrenz allemal: Der Konzern mit Sitz in Paramus in New Jersey wächst und wächst.” Na, wenn das keine guten Nachrichten sind.

Über solche Trends lässt sich der fortschrittliche Leser gerne ausführlich informieren, so auch in dem Artikel “Kinder: Kunden mit Knete”: Immerhin handelt es sich bei den Kleinen um einen volkswirtschaftlich bedeutsamen Faktor mit einer Kaufkraft von 11,542 Milliarden Mark. Schön also, dass auch der Werbeindustrie dies nicht entgangen ist, denn, so die Analyse der Autorin, “wer den Nerv der Kinder trifft, kann mit Umsatzsteigerungen rechnen”.

Leicht erregbar und von allen Seiten stimuliert, steht Tiedjes Kunde wöchentlich vor der Geschlechtsfrage. Mit Staunen nimmt er zur Kenntnis, dass Leonard Cohens männlichster Teil 30,48 cm misst. Eher besorgt registriert er dagegen, dass Schnarchen zu Impotenz führen kann und dass sparsame Leute zu Orgasmusstörungen neigen. Akribisch notiert er, dass die in Hamburg lebenden männlichen Singles zu 41 Prozent am liebsten mal im Flugzeug würden. Viele Frauen sind da bodenständiger, wenn sie heute, “ohne mit der Wimper zu klimpern”, ihren Körper karrierefördernd nutzen. Das Credo dieser “Postfeministinnen” laut Tango: “Mit Lippenstift kommst du einfach weiter.”

Der Tango-Leser ist verunsichert. Wie übrigens auch Michael Crichton, der Herr der Dinosaurier, in dessen Roman “Enthüllung” eine Frau einen Mann sexuell schikaniert. Onanie scheint der dominante Trend im Geschlechtsleben des Cyberspace zu werden. Glaubt man Gerd Gerken, Unternehmensberater und Tango-Gewährsmann in Sachen Cybersex, so besteht die Gesellschaft bald aus lauter sexaholics anonymous: “Es ist der Traum des Menschen, die Geilheitsgrenze zu durchbrechen.”

Und das wird uns durch Cybersex gelingen. “Frau freut sich auf intelligente Vibratoren, die “per Rückkoppelung die einzelnen Lustphasen der Benutzerin registrieren” und “mit Präzision den programmierten Volltreffer auf der Intensitätsskala” landen. Mann wird heiss bei dem Gedanken an das Cyber-Kondom, welches, rechnergesteuert, den Geschlechtsakt stufenlos regulierbar macht. Nachdem im Cyberspace alles fix geht, so auch der Computer-Koitus: “Vier, fünf Super-Höhepunkte innerhalb weniger Minuten (. . .) – inklusive Vorspiel.”

Last, but not least, ist der Bewohner des Cyberspace natürlich Konsument, Käufer von kleinen und großen Nützlichkeiten aller Art, die das Leben um vieles angenehmer gestalten. Für den neuen “Super-Sportwagen” von Ferrari muss der Tango-Leser mit seinem Netto-Einkommen von 4000 Mark noch eine Weile sparen. Doch den “kleinen Kia aus Korea” oder den Mittelklassewagen aus Italien kann er sich schon leisten. Schön, dass die Tango-Leitung dem Tango-Leser wöchentlich zur Weihnachtszeit mit nützlichen Einkaufstips zu Diensten steht: Wer begehrt es nicht, das Käsemesser der Firma Pottdesign für 150 Mark. Sehr hübsch auch, der Weihnachts-Geschenktip für Unentschlossene, die Breitling-Uhr für 16 330 Mark. Nicht viel teurer übrigens: Eine ganzseitige Anzeige in Tango: Die Seite im Vierfarbdruck gibt es während der Einführungsperiode bis Februar 1995 noch zum Vorzugspreis von 20 000 Mark.

Für manche altmodischen Geister ist Medienkonsum ein Akt der kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Die Werbeabteilung des Verlages Gruner + Jahr sieht dies anders. Ihr geht es mit Tango um die strategische Überwältigung einer bestimmten Zielgruppe, um sie der Werbewirtschaft auszuliefern. Dazu werden keine Kosten und Mühen gescheut. Zunächst einmal muss kräftig in Eigenwerbung investiert werden, um das Blatt dem prospektiven Kunden ins Bewusstsein zu hämmern. In einer Werbebroschüre des Verlages Gruner + Jahr liest sich dies folgendermaßen: “In der Einführungsphase konnte man der TANGO-Werbung nur entgehen, indem man daheim den Strom abstellte und sich über Wochen unter der Bettdecke verkroch.” In solchen Verlautbarungen zeigt sich das Blatt als das, was es in Wirklichkeit ist: ein Vehikel für Werbung, das den Inserenten Käufer und dem Verlag eine saftige Rendite bescheren soll. Von der Qualität der journalistischen Inhalte ist in der Werbebroschüre des Tango-Verlages kaum die Rede.

Warum auch? Redaktionelle Substanz ist im Kalkül der Medienstrategen längst nur noch eine untergeordnete Größe, die es je nach Marktlage zu justieren gilt. So betont Gerd Schulte-Hillen, der für Gruner + Jahr zuständige Bertelsmann-Vorstand nachdrücklich, dass man seine Ansprüche absichtlich nicht zu hoch angesetzt hat, um dem hauseigenen Stern die Kundschaft nicht strittig zu machen. “Ich habe immer verkündet, TANGO wird eine Zeitschrift neben und unterhalb des STERN.” Schon aus hausinternen Gründen darf das Niveau der neuen Zeitschrift also nicht zu hoch sein, um den Geschmack einer Leserschaft zu treffen, der man zuviel geistige Agilität ohnehin nicht zutraut.

Dabei stellt sich die Frage, genau welches Publikum der Verlag eigentlich im Sinn hat. In einer Grafik der Gruner + Jahr-Werbeabteilung ist die angestrebte Positionierung von Tango millimetergenau festgelegt: Demzufolge ist der anvisierte Tango-Leser etwa 37 Jahre alt und verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen von 3900 Mark im Monat. Er ist damit etwa vier Jahre älter als der durchschnittliche Leser von TV Spielfilm und TV Movie. Er ist circa zwei Jahre jünger als der durchschnittliche Focus-Leser und sechs Jahre jünger als der durchschnittliche Spiegel- und stern- Leser. Er hat etwa 150 Mark mehr Einkommen als der Leser der Neuen Revue, doch 300 Mark weniger als der Spiegel- und 400 Mark weniger als der Focus- Leser.

Dieses Bemühen um eine möglichst konkrete Vorstellung vom eigenen Kunden folgt der Marketing-Faustregel, dass man die demographische Zusammensetzung seines Zielpublikums genau kennen und dessen Bedürfnisse eingehend studieren sollte: Denn je besser man die Bedürfnisse und geheimen Wünsche seiner potentiellen Kundschaft kennt, desto leichter dürfte es fallen, die Beute zu ködern.

Vehikel für Werbung

Ob und wie gut es den Software-Ingenieuren der kulturindustriellen Produktionszentren gelingt, solche Erfolgsformeln in den jeweiligen Erzeugnissen zu verwirklichen, hängt wohl vom Einzelfall ab. Von Gruner + Jahr in Auftrag gegebene Befragungen zur Ermittlung der demographischen Käuferschaftsstruktur des Heftes kommen zu dem Ergebnis, dass die anvisierte Zielgruppe tatsächlich erreicht wird.

“Alles halb so schlimm”, ließe sich dem entgegnen. Fragt sich doch, was in dem Blatt wirklich drinsteht. Doch auch die vielzitierte Vielfalt in den neuen Medien erweist sich eher als opportuner Marketingslogan denn als angemessene Beschreibung ihres Inhalts. Denn Tango bedient sich eines Rasters, der u. a. aus folgenden, regelmäßig wiederkehrenden Motiven besteht: Die schlimme DDR; Hüte dich vor der PDS; Düsteres Russland oder: Der Kalte Krieg ist noch nicht vorbei; Der böse Islam; Dunkle Welt da draussen; Die herausragende Unternehmerpersönlichkeit; Die Sportskanone; Die bedrohliche Frau, oder: Wie stehe ich meinen Mann; Das Kind als Kunde; Schöne neue Werbewelt; Ein Leben ohne Fernsehen ist nicht lebenswert; Und schliesslich: Kaufen macht Spass.

Diese Motive sind in einem Kontext aus emotionsgeladenen Bildern und anderen Botschaften eingebettet, in welchem mehr oder weniger eindeutige ideologische Inhalte von heterogenen Informationen überlagert werden. Was zum Beispiel ist die Message einer Meldung über russischen Atommüll, die von einem Foto kopulierender Kühe begleitet wird? Dies ist ja gerade das Besondere an der Welt der Cybermedien: dass der Sinn im Sperrfeuer der Bits und Bytes abhanden zu kommen droht. Auch wäre es naiv anzunehmen, dass die Medienlogik direkt ins individuelle Bewusstsein übertragen wird. Das heisst, aus einer Ideologie, wie man sie womöglich heute doch noch in den Medien findet, kann man nicht sofort auf eine Ideologie im Denken der Menschen schliessen.

Und das ist gut so. Denn, bei aller beabsichtigten oder unbeabsichtigten Vielfalt, wie man sie in einem Produkt wie Tango finden kann, lassen sich doch noch die Konturen eines ideologischen Konstruktes ausmachen: einer möglicherweise typisch deutschen Erscheinung, eines vermeintlich fortschrittlichen, weltoffenen Hedonisten, der sich bereits auf den zweiten Blick als ethnozentrischer Kleinbürger entpuppt. Keine Spur also vom befreienden Impetus der vernetzten Medienwelt. Außer freilich, man hält kurzatmige Halbinformation für wahre Aufklärung und betrachtet die Überfütterung mit Überflüssigem als Quintessenz der Freiheit.

Handelte es sich um einen Einzelfall, so wäre Tango lediglich ein Beispiel für schlechten Geschmack. Doch die Zeichen deuten dahin, dass Journalismus wie er hier praktiziert wird, im dominanten Trend liegt. Das Fernsehen hat längst schon auf seichtes Dauer-Entertainment umgeschaltet und vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Print-Bereich restlos zur kunterbunten Seifenshow verkommt. Fragt sich nur, inwieweit der seriöse Journalismus sich gezwungen sieht, sein Niveau nach unten anzupassen. Die Beispiele hierfür häufen sich.

Zeigt die vielbeschworene Medienrevolution somit ihr wahres Gesicht? Als Konterrevolution der Medienmacher, die zum Sturm auf die Köpfe und Konten der kleinen Leute blasen? Fest steht eines: Kommerz heißt der Führer der Medienrevolution, und Profitgier ist sein General.

Ein Totentanz?

Post Skriptum: Es hat den Anschein, als liefe Herrn Tiedje die Kundschaft davon – die Werbekundschaft zumindest. Noch in der Tango-Ausgabe vom 1. Dezember 1994 platzierte man 27 Seiten Informationen der werbetreibenden Wirtschaft sowie eine 16-seitige Beilage des Fernsehsenders Premiere. Schon am 22. Dezember fand man nur noch 16,5 Seiten Werbung in Tango. Umsatzrückgang innerhalb von nur drei Wochen: mehrere hunderttausend Mark. Am 29. Dezember waren es gar nur noch 15,5 Seiten Werbung, davon 5 Seiten Eigenwerbung des Hauses Gruner + Jahr.

Ob dem Info-Blatt die Inserenten wegbleiben, weil die Info-Elite, diese gehetzte, informationssüchtige Einwohnerschaft des Cyberspace, sich auf Geheiß des Chefredakteurs nicht sofort einstellen wollte, ist momentan nur schwer zu sagen. Vielleicht ist die Info-Elite, sollte es sie denn geben, durch das Informationsangebot von Focus so übersättigt, dass schon der Tango ihr Informationsverstopfungen bereitet. Eine weitere Erklärung für den Misserfolg wäre folgende: dass der Werbebranche die ärmere Info-Elite des Hauses Gruner + Jahr finanziell nicht potent genug ist und sie sich lieber an die wohlhabendere Klientel des Hauses Burda hält.

Wie dem auch sei, aus irgendeinem Grund scheint Tiedjes Kriegsplan im Moment nicht aufzugehen. Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass das Zeitschriftengeschäft derzeit kannibalistische Züge trägt. Beinahe wöchentlich wächst die Zahl der Magazine – die anschließend zum wechselseitigen Totentanz antreten. Schuld daran hat die search and destroy-Taktik der Verlagshäuptlinge, denen es darum geht, immer neue Zielpublika aufzustöbern, um sie anschließend zu überwältigen. Sie werden nicht haltmachen, bis der Cyberspace samt seiner Eingeborenen sauber parzelliert zu ihren Füßen liegt. Für reichlich Nachschub an Cyberschriften also ist gesorgt.

Und so wird, bis zur flächendeckenden Durchdringung des Cyberspace, noch so mancher Trommelbeschuss uns in die Betten jagen. Der Tango aus Hamburg war da weder der erste noch der letzte.

Thomas Schuster, Die neuen Medien-Macher und das “gedruckte Fernsehen”. Frankfurter Rundschau, 16.2.1995.

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